Wer einen WhatsApp-Kanal für eine Partei, eine NGO oder eine Stadtteilinitiative betreut, weiß, wo die Beiträge landen: im Aktuelles-Tab, unter den Status-Meldungen aller anderen, standardmäßig stummgeschaltet. Das könnte sich bald ändern. WABetaInfo berichtet heute, dass WhatsApp daran arbeitet, Kanäle in den Chats-Tab zu verschieben, den Tab, den man dutzendfach am Tag öffnet. Gefunden hat die Seite das in der WhatsApp-Beta für Android 2.26.39.1.

Die Funktion ist noch in Entwicklung. Beta-Tester können sie noch nicht ausprobieren, und WhatsApp hat keinen Termin genannt. Die Bildschirme sind aber konkret genug, um schon jetzt zu überlegen, was das für alle bedeutet, die mit Kanälen Menschen erreichen wollen.
Was WABetaInfo gefunden hat
Wer schon Kanälen folgt, bekommt einen Hinweis mit der Frage, wo sie künftig erscheinen sollen. Es gibt zwei Optionen. In die Chatliste verschieben stellt die Kanäle neben die eigenen Unterhaltungen. Ins Archiv verschieben schickt sie zu den archivierten Chats, von wo man sie jederzeit zurück in den Chats-Tab holen kann. Die Entscheidung liegt also bei den Nutzern, zumindest beim Umzug.
Für alle, die sich für die Chatliste entscheiden, testet WhatsApp drei Darstellungen:
- Kanäle stehen in der Hauptliste zwischen den Chats, auch in der Ansicht Alle. Ein neuer Filter „Kanäle“ oben zeigt nur sie an.
- Kanäle bleiben aus Alle draußen und tauchen nur auf, wenn man auf den Filter „Kanäle“ tippt.
- In der Chatliste erscheint ein einzelner Ordner Kanäle, ähnlich wie die Zeile „Archiviert“, und die Kanäle liegen darin.
Laut WABetaInfo ist noch offen, welche Variante WhatsApp ausrollt. Möglich ist auch, dass WhatsApp verschiedene Varianten bei verschiedenen Nutzergruppen testet, bevor es sich festlegt.
Die andere Hälfte der Nachricht betrifft den Aktuelles-Tab. Manche Nutzer sehen den Status schon oben im Chats-Tab. Wenn die Kanäle auch umziehen, bleibt im Aktuelles-Tab nichts mehr übrig. WhatsApp will ihn deshalb streichen und durch einen Kontakte-Tab ersetzen, der zeigt, wer gerade online ist. Man sieht das an der unteren Leiste der Screenshots: Chats, Contacts, Meta AI, Calls.
Warum das wichtig ist, wenn du in einem Kanal postest
Kanäle haben eine große Schwäche, über die wir schon öfter geschrieben haben: Beiträge landen in einem Tab, den kaum jemand öffnet, und Benachrichtigungen sind aus, solange nicht jede Person sie selbst einschaltet. Ein Kanal kann 50.000 Follower haben und mit jedem Beitrag trotzdem nur einen kleinen Teil davon erreichen. Für eine Kampagne ist das der Unterschied zwischen „Wir haben alle zur Kundgebung eingeladen“ und „Wir haben etwas zur Kundgebung gepostet“.
Die drei Testvarianten würden daran sehr unterschiedlich viel ändern.
Die erste hätte die größte Wirkung. Steht dein Beitrag in der Liste „Alle“, zwischen der Familiengruppe und dem Arbeitschat einer Followerin, wird er deutlich öfter gesehen als heute. Jede Organisation, die sich mit dem Aktuelles-Tab herumschlägt, würde das merken.
Die zweite ändert kaum etwas. Ein Filter, auf den man erst tippen muss, ist der Aktuelles-Tab mit einer anderen Tür. Wer Kanäle schon heute anschaut, macht das weiter, und wer es nicht tut, eben nicht.
Die Ordner-Variante liegt dazwischen. Ein Ordner in der Chatliste fällt mehr auf als ein eigener Tab, ist aber immer noch einen Tipp entfernt, und ein Ordner voller Kanäle macht sich selbst Konkurrenz. Dein Beitrag ist dann ein Ungelesen-Zähler unter vielen.
Auch der Umzugshinweis selbst birgt ein Risiko. Wer auf Ins Archiv verschieben tippt, sieht deinen Kanal noch seltener als jetzt. Ins Archiv kommt, was man nicht mehr vor Augen haben will. Wie viele diese Option wählen, wissen wir nicht. Wenn der Hinweis aber nach „Halte deine Chatliste aufgeräumt“ klingt, werden es einige sein.
Was der Bericht nicht erwähnt, sind Benachrichtigungen. Kanäle sind heute standardmäßig stumm, und nichts in der Beta deutet darauf hin, dass sich das ändert. Ein Beitrag im Chats-Tab ohne Benachrichtigung steht besser da, bleibt aber still. Wenn sich daran etwas ändert, aktualisieren wir diesen Artikel.
Wo der Trick mit der leeren Community jetzt steht
Unsere Antwort auf das Problem mit dem Aktuelles-Tab war bisher der Trick mit der leeren Community: eine WhatsApp-Community anlegen, keine Gruppe hinzufügen und ihre Ankündigungsgruppe als Einbahnstraßen-Kanal nutzen. Ankündigungen landen schon heute im Chats-Tab, Benachrichtigungen sind standardmäßig an, die Nachrichten sind Ende-zu-Ende-verschlüsselt und Mitglieder sehen die Nummern der anderen nicht.
Macht diese Beta den Trick überflüssig? Noch nicht, und vielleicht nie.
- Rollt WhatsApp die zweite oder dritte Variante aus, liegt die Community bei der Sichtbarkeit weiter klar vorn.
- Selbst mit der ersten Variante lässt eine Community-Ankündigung das Handy standardmäßig klingeln, ein Kanalbeitrag nach allem, was wir wissen, nicht.
- Auch die Grenzen sind dieselben: Eine Ankündigungsgruppe fasst höchstens 5.000 Mitglieder, taucht in keinem Verzeichnis auf und zeigt Neuen keinen Verlauf. Ein Kanal hat praktisch keine Obergrenze und ist über die Suche auffindbar.
Unser Rat bleibt: Nutz beides. Einen Kanal, um öffentlich und in großer Zahl Follower zu sammeln, und eine Community für die Leute, die wirklich jede Nachricht sehen müssen, etwa Ehrenamtliche, Mitglieder und lokale Organisatorinnen. Landen Kanäle in der Liste „Alle“, hast du ohne eigenes Zutun einen besseren Kanal. Landen sie in einem Ordner, hast du nichts verloren. Unser Leitfaden zu WhatsApp-Kanälen für politische und soziale Organisationen erklärt, wie man einen Kanal aufsetzt und wachsen lässt.
Worauf wir im Parteien-Datensatz achten
Wir pflegen einen offenen Datensatz zu politischen Parteien auf WhatsApp: mehr als 440 Parteien in Europa und Brasilien, deren öffentliche Followerzahlen wir regelmäßig auslesen. Nur 86 dieser Parteien haben einen Kanal, den wir finden konnten. Bei unseren letzten Messungen (22. bis 27. September) waren die drei größten der Kanal von Santiago Abascal, der faktisch als Hauptkanal von VOX dient, mit 80.086 Followern, der von Giuseppe Conte für das italienische Movimento 5 Stelle mit 77.259 und der Kanal der Linken in Deutschland mit 71.887.
Dass diese Zahlen bescheiden bleiben, liegt vermutlich auch am Aktuelles-Tab. Es ist schwer, ein Publikum an einem Ort aufzubauen, an den kaum jemand schaut. Ziehen Kanäle in den Chats-Tab um, erwarten wir in den Daten schnelleres Wachstum bei vielen Parteien gleichzeitig, nicht einen Ausschlag bei einer einzigen. Genau nach diesem zweiten Muster suchen wir, wenn ein Kanal plötzlich hochschießt, wie bei VOX' Sprung im September.
Die Zahlen sagen nicht, wie viele Menschen einen Beitrag lesen, nur wie viele dem Kanal folgen. Trotzdem ist ein neuer Platz für Kanäle genau die Art Änderung, die Followerkurven bewegen sollte, und wir messen oft genug, um das zu sehen. Wer mitverfolgen will: Die Rankings stehen hier, nach Land, Region und Stadt, und die vollständigen Daten dürfen frei weiterverwendet werden.
Was du jetzt tun kannst
Heute geht nichts kaputt. Die Funktion ist noch bei niemandem angekommen, und WhatsApp kann sie ändern oder fallen lassen. Ein paar Dinge lohnen sich trotzdem:
- Bitte deine Follower, die Kanal-Benachrichtigungen einzuschalten. Das hilft jetzt und in jeder der drei Varianten.
- Wenn du noch keine Community hast, leg eine für deinen harten Kern an. Die Schritt-für-Schritt-Anleitung zeigt, wie es geht.
- Stell den Kanal-Link und den Community-Einladungslink nebeneinander auf deine Website und in deine Bio. Wenn du Leute lieber in einen direkten Chat schickst, erstellt der WhatsApp-Link-Generator den wa.me-Link und der QR-Code-Generator macht daraus etwas zum Ausdrucken.
Wir melden uns wieder, wenn die Funktion bei Beta-Testern ankommt und wir sehen, welche Variante sie bekommen.

